Nils-Hendrik Schröder, Team Manager at Hankook Tire Europe OE Sales Office
Die Zulassungen bei Elektrofahrzeugen verzeichnen seit Jahresanfang international einen äußerst positiven Trend. Dies ist zum einen auf neue Förderprogramme, auf eine deutlich größere Modellauswahl aber auch auf die angespannte geopolitische Lage mit deutlich gestiegenen Kraftstoffpreisen zurückzuführen. Dabei handelt es sich aber nicht um einen singulären Ausreißer in der Statistik, sondern um den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, die sich seit mehreren Jahren abzeichnet.
Der Anteil von BEV bei den Neuzulassungen in Deutschland stieg von 1,24% im Jahr 2016 auf 19,1% im Jahr 2025; bei elektrischen Antrieben insgesamt (BEV + PHEV) von 3,85% auf 30,0%. Insbesondere die vergangenen Jahre zeigen einen äußerst dynamischen Zuwachs ab 2020 durch Förderprogramme und neue, rein auf Elektrofahrzeuge ausgerichtete Plattformen. Der Produktionsanteil für Elektrofahrzeuge ist in Deutschland noch deutlich stärker von rund 1-2% auf in etwa 40% angestiegen.
Im Jahr 2025 lag der BEV-Anteil in Deutschland mit 19,1% über dem EU-Durchschnitt von 17,4%. Spitzenreiter waren Dänemark (68,5%), die Niederlande (40,2%) und Belgien (34,7%).
Weltweit dominierte China, trotz sinkender Zulassungszahlen, mit einem Elektroanteil von 46,9% (März 2026) und vereinte damit 62% der globalen Elektrofahrzeugverkäufe auf sich, während der US-Markt nach Auslaufen der Steuergutschrift dramatisch auf 4,2% Elektroanteil (März 2026) zurückfiel.
Es gibt eine starke Diversifizierung der Hersteller, auch wenn die Marktanteile oft klein sind. Marken wie Leapmotor, BYD und Lynk & Co. gewinnen an Bedeutung. Auch Tesla legt wieder zu. Während die ersten Elektrofahrzeuge oft noch auf der Verbrennerplattform produziert wurden und die Reifen primär eine angepasste Laufflächenmischung hatten (Ventus S1 evo 3 EV), werden Elektrofahrzeuge mittlerweile auf dafür entwickelten Plattformen gebaut. Erste Hersteller beginnen inzwischen damit, für Elektrofahrzeuge entwickelte iON-Reifen auch auf Modellen mit Verbrennungsmotor einzusetzen, um den Aufwand und die Kosten für parallele Reifenneuentwicklungen zu reduzieren. Dies ist unter anderem beim BMW i4 / 4er der Fall: Der 20 Zoll Reifen wird sowohl auf der vollelektrischen Variante als auch auf der Verbrennerversion verwendet.
Ein vergleichbarer Ansatz wird derzeit auch bei einem AMG Projekt verfolgt. In diesem Fall ist der Anteil an Hybrid- und Elektrofahrzeugen innerhalb der Modellreihe insgesamt höher als bei der reinen Verbrennervariante. Entsprechend werden in diesem Projekt alle Antriebsvarianten – inklusive der Verbrenner – mit Hankook iON Reifen verfügbar sein.
Markt- & OE-Rahmenbedingungen
Welcher Anteil der OE-Fahrzeuge, die mit unseren Reifen ausgestattet sind, fährt rein elektrisch (Europa / weltweit)?
Unsere Entwicklung im OE-Geschäft im Jahr 2025 zeigt, dass weltweit rund 25 % unseres OE-Umsatzes auf Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb entfällt. In Europa liegt dieser Anteil bei etwa 30 %. Aufgrund des höheren Wertschöpfungsniveaus von speziell für Elektrofahrzeuge entwickelten Reifen verdeutlicht dieser Anteil zugleich den starken und weiter zunehmenden Elektrifizierungstrend innerhalb unseres OE-Portfolios.
Dazu kommt, dass die Zuordnung nicht in allen Fällen eindeutig ist: Zum Teil werden unsere Reifen auf Modellen mit elektrischem Antrieb eingesetzt, ohne dass diese ursprünglich explizit als EV-Applikation geplant oder entwickelt wurden. Dies unterstreicht die zunehmende Durchlässigkeit zwischen klassischen und elektrifizierten Fahrzeugkonzepten im OE-Umfeld.
Hankook EV-Anteile im OE Business (Revenue-based) | ||||
Region | 2024 EV-Share | 2025 EV-Share | YoY Change (p.p.) | YoY Growth |
Global | 21.5% | 25.2% | +3.7 | +17.2% |
Europe | 29.0% | 30.4% | +1.4 | +4.8% |
Wie schnell wächst der EV-Anteil im OE-Geschäft?
Die Durchdringung von Elektrofahrzeugen in unserem OE-Geschäft nimmt weltweit deutlich zu. Der EV-Anteil ist gegenüber dem Vorjahr um rund 3,7 Prozentpunkte gestiegen, was einer Wachstumsrate von über 17 % entspricht.
Dies spiegelt auch den internationalen Zulassungstrend wider: In Europa, wo die Elektrifizierung bereits weiter fortgeschritten ist, erhöhte sich der EV-Anteil um etwa 1,4 Prozentpunkte. Dies weist auf einen reiferen, gleichzeitig, aber stabilen Wachstumspfad hin. Gerade seit Jahresanfang verzeichnen wir durch neue Förderungen aber auch die geopolitisch angespannte Lage mit explodierenden Kraftstoffpreisen einen starken Anstieg bei rein elektrischen Fahrzeugen (mit Ausnahme des US-Marktes).
Diese Entwicklung unterstreicht sowohl die starke globale Beschleunigung der Elektrifizierung als auch den bereits hohen Reifegrad des europäischen Marktes. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es im OE-Umfeld zunehmend Überschneidungen gibt: In einzelnen Fällen werden unsere Reifen auch auf elektrisch angetriebenen Modellen eingesetzt, ohne dass diese ursprünglich als spezifische EV-Applikation geplant waren.
Welche Fahrzeugsegmente treiben die Elektrifizierung besonders stark?
Die Elektrifizierung wird derzeit vor allem durch die Premium- und SUV-Segmente vorangetrieben. Diese Segmente nehmen eine Führungsrolle ein, da sie höhere EV-Adoptionsraten aufweisen, größere Batteriekapazitäten integrieren und von den OEMs gezielt als elektrifizierte Flaggschiffmodelle positioniert werden. Aus OE-Sicht stellen Premiumfahrzeuge und SUVs besonders hohe Anforderungen an Reifen – insbesondere in Bezug auf Tragfähigkeit, Performance, Komfort und Effizienz –, die bei Elektrofahrzeugen durch höheres Fahrzeuggewicht und unmittelbar verfügbares Drehmoment zusätzlich verstärkt werden.
Vor diesem Hintergrund entwickeln sich insbesondere elektrische Premium SUVs zu einem zentralen Wachstumstreiber im OE-Geschäft. Sie vereinen hohe Leistungsanforderungen mit einem steigenden Bedarf an Effizienz, reduzierter Geräuschentwicklung und hoher Laufleistung und führen damit zu einer zunehmenden Nachfrage nach speziell für Elektrofahrzeuge entwickelten Reifentechnologien.
Dennoch rücken mit der steigenden Modellauswahl auch erschwingliche Klein- und Kompaktwagen immer stärker in den Fokus. Sie dürften mittelfristig die Zulassungen rein elektrischer Fahrzeuge bei den Zulassungen weiter vorantreiben.
Reifenentwicklung & Plattformstrategie
Entwickeln OEMs Reifen primär für EVs und nutzen sie anschließend antriebsübergreifend?
Die Entwicklung von Reifen für den primären EV-Einsatz nimmt immer mehr Raum ein. Diese Reifen dann ebenfalls für ausgesuchte Modelle mit anderen Antriebsarten zu nutzen, ist bei einigen Herstellern bereits Praxis. Das ist insbesondere dann sinnvoll, wenn zu erwarten ist, dass die Anteile von Elektro- und Plug-in-Hybrid-Fahrzeugen überwiegen. Die Kosten und der Aufwand für separate Entwicklungen sind hoch.
Warum eignen sich iON-Reifen sowohl für Elektro- als auch für Verbrennerfahrzeuge?
Grundsätzlich kann ein für elektrische Antriebe konzipierter Reifen wie der iON auch für Verbrenner eingesetzt werden. Nur profitiert der Verbrenner weniger deutlich von den Vorteilen. Umgekehrt sieht es anders aus. Ein gezielt auf Verbrenner abgestimmter Reifen kann die eigentlichen Vorteile eines Elektrofahrzeugs neutralisieren: Zu hohe Geräuschentwicklung, auch im Fahrzeuginneren, senkt den Fahrkomfort. Geringer Rollwiderstand ist essenziell für die Reichweite. Hohe Abriebresistenz, gepaart mit dem nötigen Grip sowie hoher Tragfähigkeit, sorgen für exzellente Fahrleistungen bei Elektrofahrzeugen, die ein deutlich höheres Anfahrtsdrehmoment aufweisen und zugleich meist schwerer sind als vergleichbare Verbrenner. Der iON erfüllt alle diese Anforderungen optimal, da alle Eigenschaften gezielt für den Elektroeinsatz entwickelt wurden.
Technische Anforderungen
Wie unterscheiden sich die Reifenanforderungen zwischen EVs und Verbrennern?
Auch hier muss natürlich differenziert werden. In beiden Antriebskategorien gibt es völlig unterschiedliche Fahrzeuge, die auch völlig unterschiedliche Anforderungen an Reifen stellen. Wenn wir uns beispielsweise auf einen Mittelklasse Kombi mit durchschnittlicher Motorisierung fokussieren, sind in der Regel folgende Unterschiede präsent: Fahrzeuggewicht: In der Regel wiegt das Elektrofahrzeug mehr, und die Reifen müssen daher einen höheren Lastindex erfüllen.
Drehmoment: Da ein Elektromotor sofort die volle Leistung abrufen kann, verfügt das Fahrzeug über ein höheres Drehmoment. Der Reifen sollte daher eine höhere Abriebresistenz aufweisen und dennoch in jeder Fahrsituation den nötigen Grip liefern.
Geräuschentwicklung: Für gewöhnlich sind die durch Reifen verursachten Geräusche bei der Fahrt in einem Elektrofahrzeug deutlich stärker wahrnehmbar, da die Motorengeräusche wegfallen. Dies gilt sowohl für das Abrollgeräusch als auch für weitere Geräuschentwicklungen, die unter Umständen nur im Fahrzeuginneren wahrnehmbar sind. Hankook nutzt daher bei seinen iON-Reifen unterschiedliche Technologien, um die Geräuschentwicklung in allen Bereichen zu reduzieren. Dazu gehört sowohl das Design des Profils als auch Sound Absorber; der Schaum verhindert die Geräuschentwicklung innerhalb des Reifens.
Rollwiderstand: Bei Elektrofahrzeugen liegt weiterhin ein großes Augenmerk auf der potenziellen Reichweite des Fahrzeugs, und jede Komponente muss ihren Teil zur Verbesserung des WLTP-Wertes beitragen.
Insgesamt ist klar, dass gerade im Erstausrüstungsbereich die Vorgaben der OEM entscheidend sind. Bei Fahrzeugen, die sehr stark auf einen günstigen Verkaufspreis ausgelegt sind, wird häufig etwas weniger in die Reifen investiert, während bei sehr sportlichen Elektrofahrzeugen höherer Grip erwünscht ist und dafür ein geringerer Rollwiderstand in Kauf genommen wird (z. B. iON Supreme für einige Fahrzeuge von BMW und MINI). Die Materialien, die für einen niedrigen Rollwiderstand und geringen Abrieb verantwortlich sind, sind mit höheren Kosten verbunden. Günstigere Lösungen ohne Silica und Silan weisen häufig einen geringeren Nassgrip auf.
Entwicklungsschwerpunkte und Zukunft
Welche Entwicklungsschwerpunkte sind durch die Elektrifizierung wichtiger geworden?
Neben Fahrdynamik und Handling-Eigenschaften sowie subjektiven Zielgrößen, die je nach Fahrzeughersteller und Segment unterschiedlich ausfallen, hat die Elektrifizierung die Entwicklungsprioritäten deutlich in Richtung komplexer Zielkonflikte verschoben. Zentrale Schwerpunkte sind dabei die Gewichtsreduktion ohne Kompromisse bei grundlegenden Reifenfunktionen. Dazu kommen ein sehr niedriger Rollwiderstand mit ambitionierten Zielwerten für Sommerreifen von rund 5,0 kg/t, sowie zunehmend anspruchsvollere Vorgaben bei den Vorbeifahrgeräuschen.
Parallel dazu gewinnt auch die Geräuschentwicklung im Innenraum deutlich an Bedeutung. In bestimmten Fahrzeugsegmenten ist der Einsatz von schallabsorbierendem Schaum inzwischen unumgänglich. Insgesamt müssen Reifenkonzepte heute höchste Effizienz und Sicherheitsanforderungen mit Leistungsmerkmalen wie Haltbarkeit, Komfort und Grip in Einklang bringen.
Um diese Zielkonflikte aufzulösen, ist der Einsatz neuer Technologien unerlässlich. Sämtliche Designbereiche werden daher ganzheitlich betrachtet – beginnend bei der geometrischen Auslegung von Profilgestaltung und Reifenform. Virtuelle Simulationen spielen dabei eine zentrale Rolle in der Reifenentwicklung, da sie eine Vielzahl von Leistungskriterien berücksichtigen und ermöglichen, neue Technologien und Lösungsansätze bereits in frühen Entwicklungsphasen einfließen zu lassen.
Erwarten wir eine Konvergenz oder stärkere Differenzierung zwischen EV- und klassischen Reifen?
Die technologischen Herausforderungen durch Elektrofahrzeuge haben die Reifenentwicklung maßgeblich vorangetrieben und zur Identifikation neuer Lösungen und Strategien in Bereichen wie Profilgeometrie, Reifenkontur, Gummimischungen und Rohmaterialien geführt. Diese Entwicklungen wirken sich grundsätzlich positiv auf die Gesamtperformance von Reifen aus und können auch bei konventionellen Anwendungen von Nutzen sein.
Der Transfer speziell für Elektrofahrzeuge entwickelter Technologien auf konventionelle Reifen ist jedoch eng an Kosten Nutzen Abwägungen in der Produktion gekoppelt. Entsprechend lässt sich derzeit eine partielle Überschneidung in einzelnen Entwicklungsbereichen beobachten, während in anderen weiterhin eine klare Differenzierung besteht. Ausschlaggebend hierfür ist die unterschiedliche Gewichtung der Zielkonflikte zwischen Effizienz, Geräuschentwicklung, Grip und Laufleistung je nach Fahrzeugkonzept und Marktanforderung.